Thanksgiving ist ja eigentlich eine nette Idee – wir sind mal für alles dankbar was wir so haben. Meiner Wahrnehmung nach ist es ein wichtigeres Familienfest als Weihnachten. Vielleicht weil es keinen religiösen Hintergrund hat und jeder Mensch Thanksgiving feiern kann. Es ist ein wirklich großes Treffen von Verwandten und Freunden und auch als Zugereister wird man eindringlich gefragt, ob man Pläne hat oder hoffentlich irgendwo eingeladen ist… Wir wollten ganz anpassungsbereit 
wie wir sind, ein klassisches Thanksgiving feiern. Alle haben frei und so kam der Turkey erst in eine Marinade und dann stundenlang in den Ofen.
Dazu gabs ganz wunderbare sidedishes wie mashed potatos, cranberry sauce und brussel sprouts mit buttersquash usw.

Natürlich wurde das Ganze vorher sowohl in meiner Conversationlesson als auch für die ELL Kinder (die also erst die amerikanische Kultur kennen lernen) ausführlich erklärt und in der Elementery-Schule konnte ich als Helferlein mit dabei sein, als die ELL-Lehrerinnen extra für alle Kinder die klassischen Thanksgiving Speisen gekocht haben – super nett.



Ich komme mir ja auch so bisschen wie ein übergeschipperter Pilgrim vor, der die ersten Monate hier überlebt hat – natürlich nur im übertragenen Sinn. Wie wir gelernt haben, sind die englischen „Separatisten“ im Herbst 1620 in Plymouth angekommen und wenn die Indiander- also die Native Americans wie man hier politisch korrekt sagt – ihnen nicht gezeigt hätten wie man den Boden düngt und was hier alles so wächst, hätten noch viel mehr das erste Jahr nicht überlebt. So haben sie dann 1621 nach ihrem ersten Jahr und ihrer ersten erfolgreichen Ernte drei Tage zusammen mit den Native Americans ein riesiges Erntefest veranstaltet, wo es allerdings weder Turkey noch Pumpkin-Pie gab, sondern 5 Hirsche von den Indianern und was sie alles so zu bieten hatten. Der Feiertag und die klassischen Speisen kamen dann erst später. Jetzt wird immer am dritten Donnerstag im November gefeiert. Und dann hohoho folgt an diesem Wochenende ein für Amerikaner vielleicht smoother – für mich ein etwas plötzlicher – Übergang ins Christmasfeeling . Plötzlich blinken, glitzern und leuchten die Häuser in wirklich allen Farben. Das „Lichterhaus“ in Pöcking kann grad so mithalten. (Bei Gelegenheit mache ich Fotos in der Nachbarschaft, es ist unglaublich was hier unter Weihnachsdeko fällt) In jedem Laden werden Weihnachtslieder rauf und runtergespielt. Und die Kürbisse sind quasi über Nacht verschwunden. Irgendwie so multitasking. Denn gleichzeitig ist am Freitag nach Thanksgiving der sogenannte „black friday“ an dem, aus welchen Gründen auch immer, in den großen Läden alles für einen Tag total reduziert ist und alle unbedingt einkaufen müssen. Dann am Montag (cyber monday) kann man noch Technik-Schnäppchen machen. Und eben überall Christmas – und hohoho – Weihnachtsmänner, puh. Die meisten Mitbüger haben sogar jetzt bereits einen Weihnachtsbaum – und ja manche auch schon – geschmückt im Zimmer stehen…(Der nadelt dann eventuell, oder vielleicht sind die aus Kunststoff?) Wir warten noch ein wenig mit dem „U cut“ – wir wollen ihn ja ganz frisch – aber vermutlich werden wir ein paar Tage früher als gewohnt schmücken…. nicht zu glauben.
Bei uns in der Heimat ist doch grad total die „stade Zeit“ oder verklär ich da was??? Es wird doch scho glei dumpa und kimmt da Nikolo bring a paar Äpfe und dann wart ma no schee aufs Christkindl. Mehr nicht. Einige Menschen, die noch nach meiner Heimat (wegen des Akzents, welcher Akzent? Meist wird übrigens Frankreich vermutet…) fragen, sagen dann, vor allem wenn sie selbst vor einigen Jahrzehnten eingewandert sind: Ja, Weihnachten ist am schlimmsten, da will man doch bei seiner Familie sein, nicht wahr? Danke für diesen Hinweis, hatte ich grade mal nicht dran gedacht.

Wir sind dann schließlich spontan geflohen – Hey Skiopening!!! Nach nur 3 Std. Fahrt im Mount Baker Skigebiet angekommen – strahlender Sonnenschein, eine Logde, wenig los und ab in den Lift – juppih.

Aber oh – äh – Moment unser Vieresessel hat ja gar keinen Schließbügel und die Ski kann man auch nirgends… Ja, da staunt die sicherheitsbewusste Mutti. Man sitzt einfach so in diesem Sessellift und schwebt (ruckelt) über Abgründe und Schluchten und mit einem kleinem Hopser – ade du schöne Welt. Aber man passt sich wieder mal an und als der 7. Lift dann doch mal einen Bügel hat, wissen wir schon gar nicht mehr wozu.


Soweit aus dem „land of freedom“ – yours Julie