Es fehlen Worte.
Nun also doch „orange is the new black“, nun also doch „grab her by p…“, nun also doch eine Mauer bauen, nun also doch Folter wieder einführen, nun also wieder white power, nun also „love uneducated people“, nun also goldene Wasserhähne.
Was für eine Wahlnacht! Ich wollte ja nichts mehr über die Wahl schreiben, aber das ist nach dieser Entscheidung etwas schwierig, also sorry falls ihr schon 10.000 Meldungen gelesen, Berichte anlysiert und Cartoons geteilt habt, ich muss berichten, wie es sich hier anlässt.
Also erstmal ging man davon aus, am Dienstag Abend so um 8 Uhr die ersten Ergebnisse zum Sieg von Hillary zu haben und als wir uns beim kleinen Japaner im Süden unserer Insel mal wieder ein paar Suhsirollen einverleibten, flimmerten dort die ersten Zahlen über den Bildschirm. Eine ältere Dame hielt sich da schon geschockt die Hand vor dem Mund und irgendwie sah die amerikanische Landkarte so sehr rot aus, aber hey, da waren ja zahllreiche Staaten noch laaange nicht ausgezählt. Also rasch das letzte Reisröllchen haps und los nach Hause. Dort live ins Wahlstudio, es liefen immer die States mit den jeweiligen Prozentzahlen vorbei und die Wahlmänneranzahl für die einzelnen Staaten wurde auch eingeblendet und dann alleine schon wegen dieser Farbdominanz wurde deutlich, das sieht ziemlich trumpy aus das Ganze. Also verd… das nein, aber das kann doch nicht wahr sein!!!
Mit offenen Mündern und zunehmend panisch saßen wir da, schickten irgendwann die Kinder ins Bett, trotz der Frage: „Also wird des jetzt die Hillary oder nicht?“ „Spatzi das wissen wir morgen früh, da schau mer mal, ist noch nicht so ganz klar.“ Sugar, sugar, sugar, das war sowas von klar ab 22 Uhr. Dazwischen nochmal hektisch auf die deutschen Sender, dort nur ein veraltetes Magazin mit jungen Amerikanern: „Ja da müsste er ja Florida gewinnen, nur dann hat er irgendeine Chance.“ Also zurück zum US Fernsehen, Florida eindeutig von Trump gewonnen. OMG, was steht noch aus? Oregon, Washington, Alaska, Hawai, Pennsylvania… Ja super, Hawai für Hillary – 4 Wahlmänner, Pennsylvania für … Trump – 20 Wahlmänner… usw. usw. irgendwann war klar, da kann man noch so oft schauen, wie die Frauen unter 21 und die Studenten kurz vor dem Abschluss und African Americans in Idaho gewählt hätten, Tatsache war das – ähnlich wie beim Brexit – super knapp aber letztlich einfach zu viele Wahlmänner, zu viele Amerikaner für Trump (auch wenn Hillary mehr Stimmen erhalten hat). Aus, vorbei.
Am nächsten Tag war gefühlt ein Trauertag: Leere, Fassungslosigkeit, hin und wieder schlicht große Traurigkeit und Ratlosigkeit unter den Leuten hier. Die Frage/Begrüßung „how are you?“ wurde allseits eher mit: „war schon mal besser“ beantwortet und dazu wurde dann wissend genickt. Man fühlte sich wie mit dem Hammer auf den Kopf gehauen.
Drei Tage später bilden sich solidarische Gruppen und werden E-Mails versendet in denen Mut gemacht wird. Man soll doch den Menschen in der Nachbarschaft, die einer Minderheit angehören, signalisieren, dass man nicht „trumpisiert“ und sie weiterhin willkommen sind. Außerdem werden jene, die sich jetzt mit einem „make America great again“ Shirt herauswagen (ja die gibts hier auch) ganz genau im Auge behalten. Man befürchtet jetzt sei Rassismus, Sexismus, Populismus Tür und Tor geöffnet und das macht Angst.
Nachdem ich das erste Treffen zwischen Trump und Obama angesehen habe und er da so wie der liebe Onkel neben Obama saß und sich tausendmal bedankt hat und auf einmal so ganz großen Respekt für die Arbeit hat und sich weiterhin beraten lassen möchte, da war mein ganz persönlicher Eindruck, dass der Donald vielleicht viel lieber weiterhin der „bad guy“, der alle schön beleidigen und bedrohen kann, geblieben wäre und upsi jetzt muss er auf einmal alles very, very great machen und den Weltfrieden herbeiführen – sofern die Länder das bezahlen schon klar – und ein paar Hoffnungen seiner Wähler erfüllen, das könnte vielleicht doch ein bisschen unvorbereitet auf ihn einprasseln. Sorry, Donald.
Hillary wäre eine professionelle, kompetente Präsidentin geworden, hätte aber sicher ständig Gegenwind gehabt und Veränderungen werden in diesem riesigen Land (big wheels turn slow) so oder so sehr langsam vorangetrieben, vielleicht ist die Opposition immerhin eine Möglichkeit Schlimmeres zu verhindern. Und das was vielleicht das einzig Positive aus dieser Wahl werden könnte, die Menschen reden, reden, reden, wollen gemeinsam überlegen, man ist wachsam und nimmt sich vor, genau hinzuhören und hinzuschauen, will hilfsbereit, hoffungsvoll und „divers“ leben.
Mehr fällt mir nicht ein, um Kommentare wird deshalb gebeten (ihr könnt mir auch mailen… )
Klar schreib ich einen!
Ihr Lieben, ich hab viel an euch gedacht und mach’s jetzt kurz. Ich versuche, nicht das zu schreiben, was eh überall steht, so wie es dir ja auch super gelungen ist – und NATÜRLICH musstest du irgendwann die sprachlose Phase hinter dir lassen, wir haben doch schon so drauf gewartet!
Also 1. mich wundert nach dem Brexit gar nichts mehr. (Höchstens, dass die Leute sich so wundern…)
2. Bloody winner-takes-all-system. Ich hatte nicht erwartet, das ich sowas NOCHMAL – und nochmal zu Gunsten eines Republikaners – erleben muss. Vielleicht kommt doch irgendwann mal einer auf die Idee, dass Wahlmänner nicht nötig sind und man doch inzwischen ganz gut die ECHTE Mehrheit entscheiden lassen könnte.
3. In irgendeinem der demokratischeren US-Blätter stand mal das, was ich auch dauernd dachte: die Wahlmänner MÜSSEN ja gar nicht für ihren Kandidaten stimmen. Naja. Ist in digitalisierten Zeiten wohl zu auffällig.
4. Es gibt auch in Akademikerkreisen im heilen Oberbayern Leute (mindestens einen), die sagen „also ich bin dagegen“ und damit tatsächlich meinen, dass sie GEGEN die KRITIK an Trump sind! (Ich erspar die die Gründe, es hat mit blonden Töchtern und Asylbewerbern zu tun…)
5. Grundschüler guckt eine – sehr um Ausgeglichenheit und dennoch-Optimismus bemühte – ZDF-Logo-Sendung und vergleicht anschließend T. mit Hitler. Da es ein TV-freier Haushalt ist, bildet die stolze Mami sich ein, dass das Kind selbst darauf gekommen ist.
6. Wenn jetzt noch Marine LePen gewinnt, kriege ich ein Identifikationsproblem. Vielleicht unterrichte ich dann lieber Portugiesisch und Gälisch… ach so, muss ich ja erst lernen…
7. Ich hatte die ganze Zeit über eine kleine, völlig irrsinnige Hoffnung, die dem recht nahe kommt, was du schreibst: nämlich dass T., egal ob er gewinnt oder verliert, am Schluss sagen würde, Hey Leute, sowas ist mir doch viel zu stressig, ich wollte doch nur mal vorführen, was man mit viel Geld und noch mehr Frechheit erreichen kann!
Ja. Wer weiß. Vielleicht impeached er sich doch noch selber.
Packt ihr?
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Liebe Julia,
Es gab heute in der sz eine exzellente Analyse („Großer kleiner Mann“) über die „vergessenen Leute“. Weiße untere Mittelschicht, die seit 2008 im Schnitt 7000 Dollar Jahreseinkommen pro Familie verloren haben – das ist viel, wenn man eh nur zwischen 30000 und 60000 hat, während in Washington das der Preis für die Privatschule pro Kind ist. Und wenn Hillary diese Leute als deplorables bezeichnet, kann sie kaum erwarten, dass die sie wählen.. Die „silent Crowd“ – das stand woanders – ist offenbar von der Wahlkampfmanagerin, die ein Datenfreak sein soll, richtig identifiziert worden. Die haben nichts zu verlieren, aber nun die Hoffnung auf eine Veränderung. Die Liberalen Eliten haben es sich zu bequem gemacht, und das gilt möglicherweise auch für uns….
Erdogan, Trump, Putin – wenn das so weitergeht, werde ich wieder parteipolitisch aktiv, ich weiß nur noch nicht wo. Das ist es wahrscheinlich: das wir uns Politikverdrossenheit nicht mehr leiten können.
Ganz liebe Grüße, Nicola
Von meinem iPhone gesendet
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Think positive… magst du mal erzählen ob deine Kinder auch schon „Mix it up at lunch“- Projekttage hatten?
Bin ich gerade beim Thema „Religion“ für die 12. Klasse drüber gestolpert, und es klingt gut und so, als ob es das bei euch auch geben könnte.
Weiterer Trost findet sich beim boredpanda:
http://www.boredpanda.com/funny-barack-obama-joe-biden-tweets/
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